Erinnerungen an die Jugend Goys

VON ANDREAS FREY

Dießen Nein, selber lesen wollte er letzten Montag nicht. Beim Hörspielabend für die Kunstfreunde der Ausstellung „Das kleine Format“ setzte Sebastian Goy auf die Wirkung der Tonkonserve, die sich aus den Lautsprechern vom „kult.café“ in erfreulicher Deutlichkeit bemerkbar machte. Gegenstand der akustischen Betrachtung war die Südwestrundfunk-Produktion „Nichts weiter als das“, die auf den autobiografischen Jugenderinnerungen von Sebastian Goy fußt.

„Die Gegenwart trifft mich in einer bedrohten Idylle an“: Goys Alter Ego hörte man gleich doppelt von der Scheibe: Einmal mit der sonoren Stimme des reifen Mannes (Sprecher: Felix von Manteuffel), der einen Halbzeitrückblick aufs Leben wirft. Abwechselnd dazu hörte man die Kinderstimme des jungen „Laurenz“, der in einem schwäbischen Nachkriegshaus aufwächst. Dieses ist mit diversen Onkeln und Tanten, dazu Großeltern und sechs Geschwistern konfliktträchtig angefüllt.

Als Einstiegs-Szene in die Rückerinnerung an die Kindheit dient ein Krankenlager im Bett. Abwechselnd lesen jeder Bruder, jede Schwester etwas vor. Immer mehr jedoch überlagern sich die Lesestimmen zu einem Chor, der bestimmte Zeilen wie in einem surrealistischen Refrain wiederholt.

Verfremdung der Erwachsenenstimmen

Ein Faszinosum in diesem professionell und intensiv ausgestalteten Hörspiel sind erwachsene Aussagen, die ungeachtet ihres intellektuellen Gehalts dennoch von den Kinderstimmen gesprochen werden. Beeindruckend ist etwa der Rachefluch, den eine Schwester kühl drohend in die Stille meißelt: „Dafür werdet ihr fünf laut vorgetragene Monologe am Mittagstisch als etwas wahrnehmen, das ihr für Dialoge haltet.“ Die Verfremdung der Erwachsenenstimmen sei eine Vorgabe von ihm gewesen, berichtet Sebastian Goy. „Mit Annette Berger vom SWR habe ich eine Regisseurin gefunden, die meine Ideen kongenial umsetzt.“ Die Erstausstrahlung dieses Hörspiels - eines von bislang rund 120 Produktionen - sei 2002 gewesen. Als CD sei es nicht erhältlich. „Ein Hörbuch wird meist nur veröffentlicht, wenn es auch als gedrucktes Werk erfolgreich war oder ein großer Name dahinter steht.“

Umso aufmerksamer lauschten die Gäste der akustischen Rarität und spürten: Einfach war diese Kindheit nicht. Ohne Distanz ging Goys Hörspiel auch heikle Themen an - vom letzten Luftangriff im Krieg bis zur ersten Liebe im Johannisbeerstrauch. Dazwischen liegen romantische Erinnerungen an Taschenlampen-Exkursionen unter Cousinenröcke am Dachboden oder unerfreuliche Reminiszenzen an einen Abend mit einer Schlägerei im elterlichen Wohnzimmer.

Termin Im „Blauen Haus“ letztmals freitags bis sonntags von 14-19 Uhr „Das kleine Format“, am 26. Januar beleuchten die „Letzten Montage“ die Wehrhaftigkeit der Komantschen gegenüber den spanischen Konquistadoren.